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In den letzten Monaten wurde unser Sechsjähriger mir und seinen Geschwistern gegenüber immer aggressiver. Er begann uns zu hauen, zu schubsen und zu treten. Andauernd Diskussionen, die in Schreierei endeten. Er zerstörte Sachen und Spielzeug seiner Geschwister und provozierte wo er nur konnte. Ich fragte in der Kita nach, die Erzieher bemerkten aber keine negative Veränderung an ihm. Ganz im Gegenteil. Sie waren mittlerweile mit seiner Entwicklung und seinem Sozialverhalten zufrieden. Bei Freunden konnte er sich auch benehmen. Ich suchte nach anderen Gründen. Ich meldete ihn vom Fußballtraining ab und ließ den versprochenen Musikunterricht weg, weil ich dachte ich überfordere ihn. Er sollte mehr Zeit zum spielen haben. Die Wochen darauf wurde sein Verhalten uns gegenüber immer schlimmer. Ich redete mir ein, dass es bei Sechsjährigen wohl normal sei. Eine Phase, die bei Vorschulkindern häufiger vorkomme. Im Internet fand ich Artikel, die dies bestätigten. Sie erklärten einiges, halfen mir aber nicht. Geduld. Geduld. Geduld. Auch das geht vorbei… Die letzten Wochen waren der reinste Horror. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht kurz davor ihm eine zu scheuern oder einfach loszuheulen. Diese Provokationen und die Aggression waren kaum mehr auszuhalten. Da mein Mann meistens nicht da ist, war er mir bisher keine große Hilfe, was das Finden einer Lösung angeht. Seit ein paar Tagen denke ich viel darüber nach, wann mein Sohn am glücklichsten und ausgeglichensten war. Leider scheine ich das Problem zu sein. Anscheinend bin es ich und nicht andere oder äußere Umstände, die sein Selbstbewusstsein zerstören. Mein Kind unglücklich zu machen, habe ich ganz alleine geschafft.

Der große Bruder

Mein Sohn liebt seine Rolle. Er erklärt und spielt viel mit seinen Geschwistern. Er kuschelt und macht sie Sorgen, wenn sie sich verletzen. Er liebt seine drei Geschwister. Er ist der große Bruder und ih vergesse oft, dass er selber noch ein Kind ist. Er hat mehr Pflichten, weil er mehr versteht. Wenn er mal aufräumt, räumt er für seine Geschwister mit auf. Er muss zurückstecken und wenn wir alle zusammen etwas spielen, dann gibt es nur Spiele, die auch die anderen mitspielen können (das Baby ausgenommen). Ich schimpfe ihn öfters als die die kleinen, weil er es besser versteht. Tagtäglich springen mir die kleineren auf den Schoß und wollen kuscheln. Wenn mein Ältester das macht, weise ich ihn oft zurück, weil ich mich „überkuschelt“ fühle. Er versteht das schon und muss in seinem Alter auch Rücksicht nehmen. Obwohl er der Große mit mehr Pflichten ist, hat er aber nicht gleichzeitig mehr Rechte. Er darf das gleiche, wie die anderen Kinder, geht zur gleichen Zeit ins Bett, wie die kleineren und wird eigentlich kaum wie ein größeres Kind behandelt, es sei denn, es geht ums zurückstecken. Aufgefallen ist mir auch, dass ich ihn weniger lobe, als die anderen, obwohl er viele tolle Sachen macht. Während ich mir dessen immer bewusster werde, schäme ich mich auch immer mehr für diese Ungerechtigkeit, die hauptsächlich von mir ausgeht.

Quality Time

Einmal in der Woche bleibt er vormittags Zuhause. Er muss zum Logopäden und anschließend verbringt er drei Stunden mit mir alleine. Aus der groß angekündigten und geplanten Quality Time ist leider nichts geworden. Wir erledigen Einkäufe, gehen zu Terminen oder er hört mir zu, wenn ich mit Freunden telefoniere. Zuhause habe ich dann immer irgendwas wahnsinnig wichtiges zu erledigen und er spielt, malt oder puzzelt alleine. Trotz meiner geistigen Abwesenheit bei körperlicher Anwesenheit freut er sich auf die Vormittage und greift so oft es geht nach meiner Hand und sucht nach meiner Aufmerksamkeit. Vor ein paar Monaten habe ich diesen Vormittag bewusst gewählt, um Zeit mit meinem Ältesten zu verbringen. Nun verschwende diese kostbaren Stunden, um Alltagsdinge, die ich auch an anderen Tagen machen könnte, zu erledigen.

Aktivitäten

Wenn ich in aus der Kita abhole, fragt er mich nach Monaten immer noch: „Wo fahren wir jetzt hin?“ „Warum fahren wir nicht mehr zum Fußball?“ Ich antworte immer, dass er den ganzen Tag zuhause spielen darf. Er freut sich meistens darüber, weil er vielleicht hofft, dass wir was tolles zusammen spielen. Manchmal stöhnt er auch: “Das ist aber langweilig.“ Er besucht eigentlich nur noch den Schwimmunterricht, der ja wirklich nicht viel mit Sozialverhalten zu tun hat. Es hat ihm gut getan, mit anderen „großen“ Kindern Fußball zu spielen oder zum Turnen zu gehen. Er war immer megastolz, wenn ich zugeschaut habe und ihn anschließend gefeiert habe. Nun gibt es nur noch unregelmäßige Verabredungen mit seinen Freunden. Statt auspowern mit Gleichaltrigen, langweilt er sich oft zuhause.

Und nun?

Leider haben viele Pädagogen, Forscher und sonstige kluge Menschen recht: Kinder, die wenig Aufmerksamkeit bekommen, holen sie sich anders, auch gerne auf negative Art und Weise. Ich kann mir vorstellen, dass er sich unfair behandelt und manchmal ungeliebt fühlt. Er tut mir so leid, aber die Lösung scheint eigentlich ziemlich klar. Wenn ich so weitermache, wird das sein Selbsbewusstsein zerstören. Er wird unglücklich. Theoretisch müsste ich ab sofort, das Gegenteil von all dem machen, was ich vorhin an mir kritisiert habe. Ihm mehr Aufmerksamkeit schenken und mehr loben. Ihn mit Worten oder gemeinsamer Zeit dafür belohnen, dass er der Große ist, damit er es nicht als Belastung empfindet. Ihn auch gleichzeitig immer noch Kind sein lassen, zu kuscheln und mal albern sein lassen. Spiele spielen, die nur Große können. Ihn wieder zum Fußball gehen zu lassen. Die Vormittage mit ihm alleine bewusst zu erleben. Alles dafür tun, dass er sich wertgeschätzt und geliebt fühlt. Einfach das Schlechte was war und von mir ausging zu ändern, damit es nicht irgendwann zu spät ist. Klingt ziemlich einfach. Ich probiere es die nächsten Wochen mal aus und hoffe, dass sich die Situation zuhause ändert.